Zum Inhalt springen
BEgleiter

Methode

Wertearbeit

Werte sind das, was uns wichtig ist: Freiheit, Ehrlichkeit, Verbundenheit, Sicherheit. Sie geben Kraft und Richtung und stehen in einer inneren Rangordnung. Wertearbeit macht diese Ordnung sichtbar, klärt Widersprüche und deckt Werte auf, die wir mit Verhalten zu erreichen versuchen, obwohl ihre Erfüllung gar nicht in unserer Hand liegt.

  • Muster und Überzeugungen

Einstieg

Was Dir wichtig ist

Manche Entscheidungen lassen sich nicht mit einer Liste von Vor- und Nachteilen treffen. Du spürst, dass mehr dahintersteckt. Oder Du merkst, dass Du Ja sagst, wo Du Nein meinst, und weißt nicht genau, warum.

Oft geht es dann um Werte: um das, was Dir wichtig ist, und um die Ordnung, in der es zueinander steht. Wertearbeit macht diese Ordnung sichtbar. Nicht, um sie von außen zu bewerten, sondern damit Du klarer entscheiden und stimmiger leben kannst.

Vertiefung

Was Werte sind

Sprachlich sind Werte Hauptwörter, die aus einem Tun entstanden sind: Aus „sich freuen“ wird „Freude“, aus „vertrauen“ wird „Vertrauen“. Ein Wert klingt wie ein Ding, das man hat oder nicht hat. Eigentlich ist er etwas, das gelebt wird. Darum führt eine einfache Frage zurück ins Erleben:

Woran merkst Du, dass Du gerade frei bist?

Werte wirken auf drei Weisen:

  • Sie motivieren Für hohe Werte stehen wir früh auf und nehmen Mühe in Kauf.
  • Sie geben einen Rahmen Sie entscheiden, was wir für richtig, anständig und vertretbar halten.
  • Sie bestimmen Lebensqualität Wer seine wichtigsten Werte leben kann, erlebt sein Leben als stimmig. Wer sie dauerhaft zurückstellt, spürt oft eine diffuse Unzufriedenheit.

Bedürfnis, Wert, Strategie

Die Gewaltfreie Kommunikation trennt drei Ebenen, die im Alltag leicht verschwimmen:

  1. Bedürfnisse Allen Menschen gemeinsam: Sicherheit, Verbindung, Autonomie, Sinn.
  2. Werte Die persönliche Ausprägung dessen, was Dir wichtig ist. Pünktlichkeit ist für den einen zentral und für die andere nebensächlich.
  3. Strategien Die konkreten, austauschbaren Wege, auf denen wir Bedürfnisse erfüllen.

Die Unterscheidung hilft vor allem in Konflikten. Auf der Ebene der Strategien gibt es oft nur Gewinner und Verlierer:

Eine Ebene tiefer

„Wir fahren in die Berge“ gegen „Wir fahren ans Meer“. Wer fragt, was beiden dabei wichtig ist, findet häufig Lösungen, die vorher nicht sichtbar waren.

Drei Arten von Werten

Der Psychiater Viktor E. Frankl hat drei Wege beschrieben, auf denen Menschen Werte verwirklichen und darin Sinn finden:

  • Schöpferische Werte Was Du gibst: eine Aufgabe, ein Werk, eine Tat. Werte, die im Tun und Gestalten lebendig werden.
  • Erlebniswerte Was Du empfängst: eine Begegnung, die Natur, Musik, Liebe. Werte, die sich im Erleben erfüllen, ohne dass Du etwas leisten musst.
  • Einstellungswerte Wie Du Dich stellst: zu dem, was sich nicht ändern lässt. Werte, die in der Haltung liegen, die Du einnimmst.

Die Unterscheidung weitet den Blick. Wer Werte nur im Tun sucht, übersieht, was im Erleben schon da ist. Und wo sich nichts mehr gestalten lässt, bleibt die Freiheit, wie Du Dich dazu stellst.

Hoffnungslose Werte

Der Begriff kommt aus der Arbeit mit The Work. Sie unterscheidet drei Bereiche: was in meiner Hand liegt, was in der Hand eines anderen liegt und was niemand steuert. Ob jemand Dich liebt, respektiert oder akzeptiert, entscheidet der andere. Trotzdem versuchen viele Menschen, solche Werte mit eigenem Verhalten herbeizuführen. Das Muster ist immer dasselbe:

Wenn ich mich so verhalte → bekomme ich das

  • Wenn ich perfekt bin, bekomme ich Anerkennung.
  • Wenn ich mich anpasse, werde ich akzeptiert.
  • Wenn ich mich zurücknehme, gehöre ich dazu.
  • Wenn ich Ja sage, werde ich geliebt.
  • Wenn ich 150 Prozent gebe, werde ich respektiert.

Weil die Verknüpfung nicht stimmt, geht die Rechnung nie auf. Man verstellt sich, handelt nicht stimmig und bekommt trotzdem nicht, wonach man sich sehnt. Dazu kommt ein feiner Effekt: Das Verhalten, etwa „perfekt sein“, rückt in der inneren Rangordnung oft genauso weit nach oben wie der ersehnte Wert selbst und verdrängt andere Werte, die Du eigentlich leben möchtest.

Wer erkennt, dass er einen hoffnungslosen Wert verfolgt, kann aufhören, etwas zu erzwingen, und sich dem zuwenden, was in seiner Hand liegt.

Auch dieses Verhalten hatte einen guten Grund. Es war der beste Weg, den jemand bisher kannte, um Zugehörigkeit oder Anerkennung zu sichern.

Rangordnung und Konflikte

Werte sind nie gleichrangig. Die innere Ordnung wirkt meist unbewusst und zeigt sich erst, wenn zwei Werte gegeneinander stehen. Getragen wird sie von Überzeugungen: Fragst Du, warum Dir Höflichkeit wichtig ist, kommt vielleicht „Mit Höflichkeit komme ich weiter“. Solche Sätze verknüpfen die Werte und legen fest, welcher über welchem steht. Die Ordnung ist nicht starr. Lebensphasen und Erfahrungen verändern sie, und manchmal wird ein „vergessener“ Wert wieder wichtig.

Jeder Wert hat Nachbarn und Gegenspieler: Freiheit und Loyalität, Sicherheit und Abenteuer, Ehrlichkeit und Rücksicht. Ein Wertekonflikt kann in Dir stattfinden, etwa wenn Du für Deine Familie da sein und Deinen beruflichen Weg gehen willst, oder zwischen Menschen, wenn jeder einen anderen berechtigten Wert vertritt. Er ist kein Fehler, sondern zeigt, dass Dir mehreres wichtig ist. Klärung heißt selten, einen Wert aufzugeben, sondern zu verstehen, welcher in dieser Situation Vorrang hat.

Werte unterscheiden sich auch darin, wie wir sie uns innerlich vorstellen. Denkst Du nacheinander an einen sehr wichtigen, einen mittelwichtigen und einen wenig wichtigen Wert, tauchen meist verschiedene innere Bilder, Klänge oder Körperempfindungen auf. Bei vielen Menschen erscheint Wichtiges oben und nah, Unwichtiges unten und fern.

Werte im Alltag

Werte werden erst im Handeln wirksam. Bei Entscheidungen lautet die Kernfrage: Unterstützt diese Entscheidung das, was mir am wichtigsten ist? Ebenso aufschlussreich ist der umgekehrte Blick: Wo spiegelt mein Verhalten meine Werte noch nicht wider? Und weil Werte sich verändern, lohnt es, die eigene Rangfolge von Zeit zu Zeit anzuschauen.

Häufige Missverständnisse

  • „Eine Werteliste ist ein Persönlichkeitstest.“ Eine Rangfolge ist eine Momentaufnahme. Sie beschreibt, was jetzt wichtig ist, nicht wer jemand ist.
  • „Wer seine Werte kennt, lebt automatisch danach.“ Wissen allein reicht nicht. Entscheidend sind die Überzeugungen, die Werte mit Verhalten verknüpfen.
  • „Bei einem Wertekonflikt muss ich mich für einen Wert entscheiden.“ Meist geht es darum, den Vorrang in einer Situation zu klären, nicht darum, einen Wert aufzugeben.
  • „Werte und Bedürfnisse sind dasselbe.“ Bedürfnisse teilen alle Menschen, Werte sind die persönliche Ausprägung, Strategien die austauschbaren Wege.
  • „Wenn ich mich nur genug anstrenge, bekomme ich Anerkennung.“ Genau das ist das Muster hoffnungsloser Werte: Ob andere anerkennen, liegt bei ihnen.

Wertearbeit ist keine Moralpredigt darüber, welche Werte gut wären, und sie gibt Dir keine fertigen Antworten. Sie hilft Dir, Deine eigenen zu finden.

Kernaussagen

  • Werte stehen nie allein, sondern in einer inneren Rangordnung, die sich meist erst zeigt, wenn zwei gegeneinander stehen.
  • Werte lassen sich auf drei Weisen leben: im Gestalten, im Erleben und in der Haltung zu dem, was sich nicht ändern lässt.
  • Hoffnungslose Werte folgen dem Muster „Wenn ich mich so verhalte, bekomme ich das“. Weil die Erfüllung bei anderen liegt, geht die Rechnung nie auf.

Weiterführend

Literatur

  • Viktor E. Frankl: Ärztliche Seelsorge, 1946 (schöpferische Werte, Erlebniswerte, Einstellungswerte).
  • Marshall B. Rosenberg: Gewaltfreie Kommunikation. Eine Sprache des Lebens (zur Unterscheidung von Bedürfnissen, Werten und Strategien).