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Haltung · Methode

Existenzielles Coaching

Existenzielles Coaching geht auf Viktor E. Frankl und die Existenzanalyse von Alfried Längle zurück. Es sucht nicht zuerst Lösungen, sondern Erkenntnis: Was fragt das Leben gerade von Dir, und welche Antwort ist wirklich Deine? Vier Grundfragen helfen dabei, zu prüfen, ob Du einer Sache innerlich zustimmen kannst.

  • Entwicklung und Bewusstsein

Einstieg

Wenn etwas nicht mehr stimmt

Von außen sieht alles in Ordnung aus. Die Arbeit läuft, der Alltag trägt. Und trotzdem ist da ein Gefühl von Leere, ein Zögern vor einer Entscheidung oder die Frage, wofür das alles eigentlich gut ist. Manchmal ist es umgekehrt: Etwas ist zerbrochen, und das Bisherige gibt keinen Halt mehr.

Existenzielles Coaching nimmt solche Momente ernst. Es fragt nicht zuerst, wie Du schnell wieder funktionierst, sondern was gerade wirklich wichtig ist und welche Antwort Du darauf geben willst.

Vertiefung

Was ist existenzielles Coaching?

Existenzielles Coaching beruht auf dem Menschenbild des Psychiaters Viktor E. Frankl und auf der Existenzanalyse, die Alfried Längle darauf aufbauend ausgearbeitet hat. „Existieren“ kommt vom lateinischen existere: heraustreten, sichtbar werden. Gemeint ist ein Leben, das Du als Dein eigenes erlebst und gestaltest.

Daraus folgt eine eigene Art zu arbeiten. Gesucht werden Erkenntnisse statt Lösungen. Im Mittelpunkt stehen zwei Fragen: Was ist Dir wichtig, also was tut Dir gut? Und was ist richtig, also was sagt Dein Gewissen? Wo beides zusammenkommt, kann Sinn entstehen.

Frankl sah den Menschen in drei Dimensionen: Körper, Psyche und Geist. Die Psyche folgt dem, was angenehm ist, und meidet, was unangenehm ist. Der Geist dagegen kann Stellung nehmen, auch gegen die eigenen Stimmungen und Gewohnheiten. Frankl nannte das die Trotzmacht des Geistes: Du musst Dir nicht alles von Dir selbst gefallen lassen.

Das Leben fragt an

Frankl hat die Frage nach dem Sinn des Lebens umgedreht. Sinngemäß sagte er: Nicht wir fragen das Leben nach seinem Sinn, das Leben stellt uns Fragen, und wir antworten darauf. Längle beschreibt das als Dialog zwischen Mensch und Welt. Eine Situation, eine Begegnung, eine Aufgabe ist eine Anfrage. Was Du tust, ist Deine Antwort, und in dieser Antwort liegt Verantwortung.

Das verschiebt den Blick. Die Haltung „Ich bin zufrieden, wenn die Welt für mich stimmt“ macht das eigene Glück abhängig von den Umständen. Die existenzielle Haltung fragt anders: Was ist jetzt da, und welche Frage liegt darin für mich bereit?

Welche Frage stellt Dir Dein Leben gerade?

Die vier Grundmotivationen

Etwas kann vernünftig sein und sich trotzdem falsch anfühlen. Längle hat beschrieben, woran das liegt: Damit ein Mensch einer Sache innerlich zustimmen kann, braucht es Antworten auf vier Grundfragen. Fehlt eine davon, bleibt die Zustimmung halb.

Kann ich?

Habe ich, was ich brauche, um da zu sein: Fähigkeiten, Möglichkeiten, Halt und Schutz? Die Kraftquelle ist Vertrauen. Fehlt es, zeigen sich Angst, Unsicherheit und Rückzug. Wer traut es Dir zu? Wie gut kannst Du dort sein?

Mag ich?

Zieht es mich an, ist es mir wertvoll? Die Kraftquelle ist das Gefühl, die Lebendigkeit. Fehlt sie, bleibt oft nur Leisten und Durchhalten. Liebst Du es, Dich dafür anzustrengen, oder musst Du? Bist Du lebendig dabei?

Darf ich?

Darf ich so sein, wie ich bin, und wird es mir gerecht? Die Kraftquelle ist der eigene Kompass. Fehlt er, verbiegen wir uns, um dazuzugehören, und fühlen uns nicht gesehen. Wenn Du Du bist, gehörst Du noch dazu?

Ergibt es Sinn?

Passt es für mich und in einen größeren Zusammenhang? Die Kraftquelle ist der Blick auf die Wirklichkeit und die Zukunft. Fehlt er, drohen Leere und Orientierungslosigkeit. Siehst Du eine Zukunft darin? Wozu trägst Du damit bei?

Erst wenn alle vier Fragen eine Antwort finden, entsteht das, was Längle innere Zustimmung nennt. Sie ist mehr als Sinn: Etwas kann sinnvoll sein, ohne dass Du ihm von innen zustimmst.

Kann ich + Mag ich + Darf ich + Ergibt es Sinn = innere Zustimmung

Ein Angebot, das gut klingt

Eine Frau bekommt eine neue Aufgabe angeboten. Zutrauen würde sie sich die Aufgabe, und sinnvoll ist sie auch. Trotzdem zögert sie. Beim Nachfragen zeigt sich: Eigentlich mag sie diese Arbeit nicht, sie würde sie aus Pflicht übernehmen. Das Zögern ist kein Mangel an Mut, sondern eine fehlende Antwort auf „Mag ich?“.

Die vier Fragen sind kein Fragebogen, der der Reihe nach abgehakt wird. Sie helfen, zu erkennen, in welchem Feld eine Antwort noch fehlt, und dort genauer hinzuschauen.

Anfragen statt Abfragen

Die Arbeitsweise des existenziellen Coachings ist die Phänomenologie: das, was sich zeigt, so wahrnehmen, wie es ist, und darin das Wesentliche finden. Ihr Grundsatz lautet: anfragen statt abfragen.

Ob eine Frage anfragt oder abfragt, liegt weniger an ihrem Wortlaut als an der Haltung dahinter. Abfragen sammelt Informationen. Anfragen heißt, sich wirklich zu interessieren und das, was kommt, beim anderen zu lassen. Manchmal ist dafür gar keine Frage nötig, sondern eine Einladung wie „Erzähl mal …“ oder ein angefangener Satz, den Du selbst zu Ende führst.

Oft geht das Gespräch vom Weiten ins Enge: Worum geht es? Was ist daran das Wesentliche für Dich? Was ist der Kern? Und wenn es zu schnell wird: Was fühlst Du dabei? Was ging dem voraus?

Dazu gehört eine dreifache Offenheit der Begleitung: für das, was Du erzählst und auswählst, für das, was beim Zuhören im Begleiter selbst anklingt, und dafür, dass sich alles noch ändern oder ganz anders sein kann.

Sinn erfolgt

Sinn lässt sich nicht direkt ansteuern. Er beginnt oft als Gedanke und wird dann zu einem Gefühl, in einzelnen Momenten, in denen Du erlebst, dass etwas stimmt.

Es gibt keinen direkten Weg zum Sinn. Sinn erfolgt, wenn Du lebst, was für Dich richtig und wichtig ist.

Der Weg dorthin führt über Werte. Die Existenzanalyse unterscheidet Hingabe, also sich einem Wert ganz zuwenden, von Hergabe: sich den Vorgaben, Regeln und Vorstellungen anderer unterordnen. Hingabe führt zum Sinn, Hergabe von ihm weg. Welche Arten von Werten Frankl unterschieden hat, beschreibt der Beitrag zur Wertearbeit.

Erfolg wird dabei nebensächlich. Entscheidend ist, dass es am Ende das wert gewesen ist.

Vom Eindruck zur eigenen Antwort

Längle hat beschrieben, wie ein Mensch etwas von außen aufnimmt, innen verarbeitet und nach außen antwortet. Er nennt das Personale Existenzanalyse. Der existenzielle Kernprozess folgt diesem Weg in vier Schritten:

  1. Situation Was ist? Worum geht es, welche Frage stellt sich, welche Möglichkeiten gibt es?
  2. Eindruck Wie ist es für Dich? Was berührt Dich, wo zieht es Dich hin, was ist der Kern?
  3. Stellungnahme Wie findest Du das? Was wäre richtig, was wäre wichtig, was willst Du tun?
  4. Ausdruck Was tust Du konkret? Was ist der erste Schritt?

Wichtig ist der zweite Schritt. Wer gleich vom Sachverhalt zur Entscheidung springt, übergeht das eigene Erleben. Erst wahrnehmen und spüren, dann beurteilen. Und die Stellungnahme kommt von Dir, nicht von der Begleitung.

Längle hat dieselbe Bewegung auch kürzer gefasst, als Weg, in einer konkreten Lage Sinn zu finden: wahrnehmen, was ist; spüren, was daran wertvoll ist; wählen; handeln. Der Wert wird dabei gefühlt, nicht errechnet.

Den Menschen überschätzen

Zur Haltung gehört ein ungewöhnlicher Gedanke: den Menschen bewusst zu überschätzen. Wer Dir mehr zutraut, stärkt Dich, mit Ermutigung, Wertschätzung und Annahme. Gestärkt kannst Du Dich ganz einer Sache widmen, und das führt zum bestmöglichen Ergebnis, was wiederum das Zutrauen wachsen lässt.

Das heißt nicht, Schweres kleinzureden. Existenzielles Coaching bleibt bewusst auch bei unangenehmem Erleben. Es geht darum, sich damit auseinanderzusetzen, es anzunehmen und einzuordnen, statt es möglichst schnell loszuwerden.

Häufige Missverständnisse

  • „Es geht darum, den Sinn des Lebens zu finden.“ Es geht um die Frage, die eine konkrete Situation Dir stellt, und um Deine Antwort darauf.
  • „Wenn es vernünftig ist, sollte ich zustimmen können.“ Vernunft allein reicht nicht. Innere Zustimmung braucht auch das Können, das Mögen und das Dürfen.
  • „Sinn kann man sich vornehmen.“ Sinn lässt sich nicht herstellen. Er stellt sich ein, wenn Du lebst, was Dir richtig und wichtig ist.
  • „Existenziell heißt schwer und dunkel.“ Existenziell heißt, dass es Dich als Person betrifft. Das kann eine Krise sein, aber genauso eine Entscheidung, eine Begegnung oder eine Aufgabe.
  • „Der Coach sagt mir, was richtig ist.“ Die Stellungnahme kommt immer von Dir. Die Begleitung hilft, sie zu finden.

Existenzielles Coaching ist kein Ratgeber für ein gelingendes Leben und kein Versprechen, dass jede Frage eine Antwort findet. Bei akuten Krisen oder Erkrankungen gehört die Begleitung in ärztliche oder psychologische Hände.

Kernaussagen

  • Nicht wir stellen dem Leben die Frage nach dem Sinn, das Leben fragt an, und wir antworten. In dieser Antwort liegt Verantwortung.
  • Innere Zustimmung braucht vier Antworten: Kann ich? Mag ich? Darf ich? Ergibt es Sinn?
  • Sinn lässt sich nicht direkt herstellen. Er erfolgt, wenn Du lebst, was für Dich richtig und wichtig ist.

Weiterführend

Literatur

  • Alfried Längle: Sinnvoll leben (Sinnerfassung in vier Schritten).
  • Alfried Längle (Hg.): Wertbegegnung. Wien 1993 (darin: Personale Existenzanalyse).