Landkarte
Stages
Stages ist ein Entwicklungsmodell von Terri O'Fallon. Es beschreibt, wie sich im Lauf eines Lebens die Art verändert, wie Menschen sich selbst, andere und die Welt wahrnehmen und deuten. Die zwölf erforschten Stufen ergeben sich aus drei einfachen Fragen, und Kim Barta hat darauf eine klare Sicht auf Schatten aufgebaut: auf die Teile von uns, die wir noch nicht kennen.
Einstieg
Wenn sich die Brille ändert
Was eben noch die Brille war, durch die Du schaust, wird irgendwann zu etwas, das Du anschauen kannst. So beschreibt Stages Entwicklung: nicht als Aufstieg, sondern als wachsende Zahl von Perspektiven, die Du einnehmen kannst.
Das hilft zu verstehen, warum Menschen dieselbe Situation so verschieden deuten, und warum sich manchmal etwas verunsichernd anfühlt, das eigentlich ein Übergang ist.
Hintergrund
Woher das Modell kommt
Stages steht in der Tradition der Ich-Entwicklungsforschung. Jane Loevinger hat mit einem Satzergänzungstest untersucht, wie Menschen Sinn bilden. Susanne Cook-Greuter hat das Instrument verfeinert und die Unterscheidung von Personenperspektiven eingeführt. Terri O’Fallon hat daraus ein neues Auswertungssystem entwickelt, und Kim Barta hat die Schattenmodelle beigetragen.
Der Kerngedanke: Frühere Modelle haben beobachtete Muster in Kategorien geordnet. Stages fragt nach den Parametern, die Entwicklung überhaupt hervorbringen. Wenige Merkmale schalten sich in verschiedenen Kombinationen ein und aus, ähnlich wie bei der DNA, und jede Kombination ergibt eine eigene Art, die Welt zu erleben.
Drei Fragen
Jede Stufe ist durch drei Fragen bestimmt:
- Was ist Objekt des Gewahrseins: Konkretes, Subtiles oder das Gewahrsein selbst? Konkret ist das Haus, das Du sehen kannst. Subtil ist die Annahme, dass es ein Zuhause ist. Metabewusst ist das Bemerken, dass Du solche Annahmen bildest.
- Geht es um mich oder um uns? Das ist die soziale Präferenz: individuell oder kollektiv.
- Wie lerne ich: rezeptiv (aufnehmen), aktiv (gestalten), reziprok (Gegenseitigkeit) oder interpenetrativ (eines im anderen)? Das ist der Motor der Entwicklung.
Zwölf Stufen in einem Raster
Drei Schichten, jede einmal durch alle vier Lernweisen: Das ergibt zwölf Stufen. Die Namen sind Fachbegriffe des Modells, keine Urteile.
| Schicht | ich · rezeptiv | ich · aktiv | wir · reziprok | wir · interpenetrativ |
|---|---|---|---|---|
| Konkret | 1.0 impulsiv | 1.5 egozentrisch | 2.0 regelorientiert | 2.5 konformistisch |
| Subtil | 3.0 sachkundig | 3.5 leistungsorientiert | 4.0 pluralistisch | 4.5 strategisch |
| Metabewusst | 5.0 konstruktbewusst | 5.5 transpersonal | 6.0 universal | 6.5 illuminiert |
Weil sich das Muster wiederholt, kehrt derselbe Prozess auf neuer Ebene wieder: Auf 1.0 werden die Konturen des Körpers entdeckt, auf 3.0 die Konturen des Denkens und Fühlens, auf 5.0 die des eigenen Gewahrseins. Wer ein Muster einmal verstanden hat, erkennt es auf jeder Schicht wieder. Eine vierte Schicht wird nur als Hypothese angenommen, solange Forschungsdaten fehlen.
Auf jeder Schicht wiederholt sich auch dieselbe Folge des Sehens: „Ich sehe mich“, dann „Ich sehe, dass Du mich siehst“, dann „Ich sehe, dass Du bist wie ich“. Selbstentdeckung und Verbundenheit schaukeln hin und her.
Was jede Stufe beiträgt
Die folgenden Beschreibungen gelten der Landkarte, nicht Menschen. Die frühen Stufen werden meist in der Kindheit durchlaufen und bleiben als Fähigkeiten ein Leben lang verfügbar.
- 1.0 impulsiv Den eigenen Körper über die Sinne entdecken. Gaben: Offenheit, Vertrauen.
- 1.5 egozentrisch Den Körper benutzen, „ich“ und „mein“. Gaben: Initiative, Spontaneität, Freude.
- 2.0 regelorientiert Der andere ist ein Mensch „genau wie ich“. Gaben: Gegenseitigkeit, faire Regeln, Freundschaft.
- 2.5 konformistisch Eins werden mit den eigenen Prinzipien. Gaben: Zugehörigkeit, Verlässlichkeit, Hingabe.
- 3.0 sachkundig Über das eigene Denken nachdenken. Gaben: Neugier auf Ideen und Zusammenhänge.
- 3.5 leistungsorientiert Pläne mit wachsender Präzision verwirklichen. Gaben: Gestaltungskraft, Reflexion.
- 4.0 pluralistisch Sich sehen, wie andere einen sehen. Gaben: Mitgefühl, Interesse an Rückmeldung.
- 4.5 strategisch Systeme so gestalten, dass das Wohl aller möglich wird. Gaben: den Wert aller früheren Perspektiven sehen.
- 5.0 konstruktbewusst Erkennen, dass wir Bedeutungen und Grenzen konstruieren.
- 5.5 transpersonal Bewusst neue Konstrukte bauen, im Wissen, dass es Konstrukte sind.
- 6.0 universal Das Gewahrsein öffnet sich in einen weiten, verbundenen Raum.
- 6.5 illuminiert Ein verkörpertes Verstehen der Entwicklungswege, von der Fülle bis zur Stille.
Jede Stufe hat auch ihre typische Herausforderung, etwa der starke Sog der Gruppe auf 2.0 oder Zukunftsbilder, die mit der Wirklichkeit verwechselt werden, auf 3.5. Die Empfehlung des Modells ist eindeutig: sich nicht um „Höhe“ bemühen, sondern dort, wo man gerade lebt, gesund und klar sein.
Zustände und Stufen
Zustände · states
Vorübergehend: Fokussieren, Bezeugen, Weite, Freude, Ehrfurcht, Traurigkeit. Auch das Bemerken der eigenen Gedanken.
Stufen · stages
Aufeinanderfolgende Perspektiven, die die früheren einschließen und überschreiten. Eine stabile Art, die Welt zu deuten.
Beide wachsen ineinander, und O’Fallon fasst das in vier Leitsätzen:
- Zustand Er ist notwendig, aber nicht hinreichend. Erleben allein ist noch keine Entwicklung.
- Verwirrung Jeder Übergang beginnt mit einer typischen Frage wie „Was ist echt?“. Sie gehört dazu.
- Stabilität Der Zustand wird auf die Verwirrung gerichtet und so Teil einer neuen Perspektive.
- Rückwendung Die reife Stufe wendet sich auf das eigene Selbst zurück und öffnet den nächsten Zustand.
Entwicklung ist so kein gerader Aufstieg, sondern ein pendelndes, spiraliges Geschehen aus Erleben und Strukturieren.
Schatten nach Kim Barta
Schatten ist schlicht der Teil von Dir, den Du nicht kennst. Barta nutzt dafür ein Fenster mit vier Feldern:
Öffentliches Selbst
Was ich und andere über mich wissen.
Persönliches Selbst
Was nur ich über mich weiß.
Blindes Selbst
Was andere an mir sehen, ich aber nicht. Hier beginnt der Schatten.
Unbekanntes Selbst
Was niemand kennt. Auch das gehört zum Schatten.
Zum Schatten gehört nicht nur Schmerzhaftes, der dunkle Schatten, sondern auch Wunderbares, das Du an Dir nicht kennst, der goldene Schatten. Er entsteht, wenn eine Belastung übersteigt, was der „Becher der bewussten Fähigkeiten“ halten kann: Sie fließt ins Unbewusste über und wird zu einem abgetrennten Anteil. Er zeigt sich etwa, wenn Du ein Ziel sabotierst oder plötzlich reagierst wie eine jüngere Version von Dir.
Barta unterscheidet drei Klassen, jede mit eigener Arbeitsrichtung:
- Introjektionen Übernommene, unpassende Überzeugungen, oft erkennbar an „sollte“, „muss“, „darf nicht“. Richtung: loslassen und zurückgeben, woher sie kamen.
- Projektionen Eigenes wird nach außen verlegt, etwa als Ärger darüber, wie andere sein „sollten“. Richtung: wieder zu eigen machen.
- Spaltungen Innere Anteile arbeiten gegeneinander, Kopf gegen Herz, Plan gegen Verhalten. Richtung: integrieren, indem die Anteile ihre gute Absicht verstehen.
Die Arbeitsrichtung muss zur Art des Schattens passen: Ein übernommenes Muster, das man integrieren will, gräbt sich nach Barta tiefer ein. Und nicht alles ist Schatten. Biologische Themen, Traurigkeit nach einem Verlust, Unerfahrenheit und die Unruhe beim Hineinwachsen in ein größeres Weltbild sind etwas anderes.
Häufige Missverständnisse
- „Später ist besser.“ Jede Stufe hat ihre gesunde Form, spätere bauen auf früheren auf.
- „Ein tiefes Erlebnis zeigt, wie weit jemand ist.“ Zustände sind notwendig, aber nicht hinreichend.
- „Ich kann mich anhand einer Liste einordnen.“ Die Beschreibungen sind eine Landkarte, kein Selbsttest. Eine Einschätzung gehört in geschulte Hände.
- „Schatten ist das Schlechte in mir.“ Schatten ist das Unbekannte, auch verborgene Stärken.
Stages ist keine Rangliste von Menschen und kein Etikett. Die Forschung ist im Fluss, und die späten Stufen sind weniger gut abgesichert als die frühen. Schattenarbeit ersetzt keine fachliche Hilfe: Akute Krisen und Erkrankungen gehören in ärztliche oder psychologische Hände.
Kernaussagen
- Drei Fragen erzeugen zwölf Stufen: Was ist Objekt meines Gewahrseins, geht es um mich oder um uns, und wie lerne ich?
- Gesund statt hoch: Jede Stufe hat ihre Gaben und Stolpersteine, spätere schließen frühere ein.
- Schatten ist der Teil von Dir, den Du nicht kennst. Dazu gehören auch verborgene Stärken.
Nähere Dich nach Anlass
Weiterführend
Literatur
- Terri O'Fallon, Kim Barta: Die STAGES-Matrix Roadmap. Entwicklungsperspektiven in einem Modell von heute, 2018.
- Terri O'Fallon: States and STAGES: Waking up Developmentally. Integral Review 16(1), 2020.
- Kim Barta: Illuminating Shadow. Mapping the Dark Side of Consciousness (Manual, 2021) und Illuminate My Shadow (Workbook, 2021).
